Patricia Bourcillier
Magersucht & Androgynie
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Einleitung

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5

Epilog

Bibliographie

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Einleitung

Es ist viel geschrieben worden über diese jungen Menschen, Frauen im besonderen, die NICHTS mehr essen, weil sie plötzlich abmagern und leicht wie Sylphen werden wollen. Nun ist aber die Mahlzeit schon immer ein Mittler menschlicher Beziehungen auf jeder Ebene gewesen, Symbol der Kommunikation und des Teilens. Überall und jederzeit war sie Zeichen herzlicher Gastfreundschaft. Sie brachte die verschiedensten Menschen einander näher, und die Wärme, die eine geteilte Freude hervorruft, erweckte ein Klima des Vertrauens. Die mystische oder erotische Mutterliebe wurde in allen Kulturen in Umgangssprache ("ich habe dich zum Fressen gern") und Poesie mit der Nahrung gleichgesetzt.

Was ist also geschehen, wenn eines Tages Tausende von jungen Leuten die fürs Leben unentbehrliche Nahrung zurückweisen, sich über die Naturgesetze hinwegsetzen und vorgeben, leben zu können, auch ohne sich um Wachstum, Gesundheit und das allen gemeinsame Schicksal des menschlichen Daseins zu kümmern? Warum wurde der Wunsch, "dünn zu sein", ad absurdum geführt in der Sucht der Mager-Sucht (Anorexie) und der Sucht der Eßsucht (Bulimie)?

Der Ehrgeiz der magersüchtigen Frau ist schrankenlos. Erstrebt wird ein Zustand, in dem sie sich selbst genügt durch die Zuflucht in ein geschlossenes System, auf das die Außenwelt keinen Einfluß ausüben kann. Die Anorexie als vollständige Essensverweigerung ist damit das Gegenteil der Bulimie. Es handelt sich bei ihr nicht um einen Mangel an Appetit, wie es der medizinische Fachausdruck "Anoressia" (Appetitlosigkeit) suggeriert, sondern um einen Kampf gegen den Appetit und damit um eine aktive und eigensinnige Weigerung, sich zu ernähren. Die Anorexie ist aber auch eine Abwehrreaktion gegen die Bulimie, eine ausgearbeitete Strategie der Verteidigung, die in ihrer Hartnäckigkeit und Eigensinnigkeit nur schwer zu überwinden ist.

Eine Eßstörung, die Symptome des Gegensatzpaares Anorexie und Bulimie in sich vereinigt, kommt allerdings immer öfter vor und wird "Eß- und Brechsucht" genannt. Nun ist der schnelle und heimliche Verzehr großer Nahrungsmengen, der durch selbstherbeigeführtes Erbrechen beendet wird, vielen klassischen Anorektikerinnen bekannt. Nach der Psychotherapeutin Hilde Bruch wurde nicht klar begründet, daß die Bulimie tatsächlich eine Rolle bei der echten Anorexie spielt. Anorektikerinnen, die sich Freßorgien und selbstinduziertem Erbrechen ergeben, hat es immer gegeben. Was bei der Einordnung daher zählt, ist das Körperbild, das bei vielen eß- und brechsüchtigen Frauen anorektisch bleibt: der Körperkult ist einer ihrer Hauptbeschäftigungen. Die Idealfigur ist gestaltlos, ohne Fülle und in der Schwebe. Der Körper ist kein Körper mehr, sondern ein Körperbild, ein phantasiertes Körperbild, in das diese meist jungen Frauen sich in Unberührbarkeit entfremden. Für sie ist Nahrung die Hölle, nicht das Leben. Vermutlich aus diesem Grunde betrachtet Hilde Bruch die Bezeichnung "Bulimarexie" als semantische Abscheulichkeit. Die Bulimikerin ißt in der Tat, um sich zu beruhigen und sich lebendig zu fühlen; sie hat aus ihrer Kindheit die physische Begierde des Körpers und auch dessen Kraft behalten. Sie fühlt sich ihres Körpers sicher. Er trägt in sich die Spuren ihres Leids. Ganz im Gegensatz hierzu lehnt die Anorektikerin ihren Körper ab und versucht ihn zu vergessen und ins Geistige zu überhöhen. Abführmittel helfen sowohl den Anorektikerinnen als auch den Bulimikerinnen bei Reinigung, Säuberung und Wegwerfen der unerwünschten und unmittelbar nach der Aufnahme gedanklich schon fäkalisierten Nahrung sowie bei der imperativen Notwendigkeit, einen flachen, glatten, leeren Bauch und ein "sauberes" Inneres zu bekommen .

Wenige oder gar keine Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, bedeutet für die junge Anorektikerin, keine Wahl, also keinen Wunsch bzw. kein Begehren zu haben. Der Triumph über Körper und Begehren, die Vorstellung einer federleichten Figur, der Sieg der Askese, all das bekräftigt sie in ihrer Essensverweigerung. Sie fürchtet beim geringsten Nachgeben, in die Sklaverei der Eßlust und der fleischlichen Lust zu fallen. Körperliche Funktionen erscheinen ihr dreckig, unrein oder verführerisch. Der minderwertige und durch die Erbsünde schuldige Körper wird dem Geist untergeordnet, da das Gute mit dem Geist und das Böse mit dem Körper in Zusammenhang gebracht werden. Ist es die Weigerung, das Paradies der Kindheit zu verlassen, den Zustand vor jener "Schuld"? Oder ist es die Weigerung, in eine Welt von Kampf und Konkurrenz zu treten? Im Gegensatz zu dem braven und lieben Bild, das Anorektikerinnen von sich zeichnen, hassen sie Familie, Schule und Institutionen. Sie stehen immer draußen, immer abseits, immer am Rande, am weißen Papierrand, wo NICHTS geschrieben steht, in der menschenleeren Wüste, wo Leben und Tod ineinanderfließen. Die sogenannten Magersüchtigen sind entwurzelte Menschen, Fremde im eigenen Lande, Heimatlose im eigenen Ort, und sie hungern nach den grundsätzlichen Dingen, nach Liebe und Anerkennung.