Patricia Bourcillier
Magersucht & Androgynie
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Einleitung

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5

Epilog

Bibliographie

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Epilog

Es ist schwierig, von der frühen Jugend zum Erwachsenen-Sein, vom Zustand der "Unschuld" zur beängstigenden Einsamkeit des verantwortlichen Menschen überzugehen. Dies erkannte schon Sartre.

Um eine Identität zu schaffen, müssen wir uns mit dem Elternteil des gleichen Geschlechts identifizieren können, sagt die Psychoanalyse: die Mutter ist für die Frau das erste und unentbehrliche Vorbild. Was aber, wenn dieses fehlt?

Das Versagen der Mutter ist zum großen Teil das Versagen einer Gesellschaft, die Jahrhunderte lang die Frauen zum Mangel an Selbstvertrauen und zur Abhängigkeit von Geld und Liebe der Männer erzog. Niemand bereitete sie gefühlsmäßig auf das Erwachsenwerden vor. Wie sollten sie dann ihre Töchter darauf vorbereiten? Heute sind die Frauen finanziell selbständig, haben die Möglichkeit, die Privilegien der Männer zu genießen, dennoch bleiben die Ängste die gleichen. Magersüchtig wird die Frau nur, wenn sie den kritischen Punkt erreicht, an dem es keinen konventionellen Ausweg mehr gibt und an dem sie einen neuen Ausweg erfinden müßte. Die Menschen sind erst machtlos, wenn sie davon ausgehen, daß sie machtlos sind, war im Zeitalter von Sartre und Beauvoir eine Botschaft der Hoffnung und der Freiheit. Eigenwille steckte in diesem Spruch, und an Eigenwillen fehlt es der magersüchtigen Frau nicht. Das Problem ist, daß viele Menschen heute den Eindruck haben, daß sie für Nichts kämpfen. Die Gründe, die für die Magersucht vorgeschoben werden, haben schließlich keinen festen Halt: weder die bloße Behauptung einer Autonomie noch die Ablehnung eines banalen und trügerischen Lebens.

Die Bulimie - noch mehr als die Anorexie - ist eine Krankheit der Gesellschaft des Überflusses, und sie bezeugt den Zusammenbruch der Gewißheiten in einer sinnlosen Welt. Die Schönheitstyrannei, der Wunsch, jung und attraktiv zu bleiben, ist der beste Beweis dafür. Die Selbstbezüglichkeit bleibt die einzige Zuflucht.

Nach Naomi Wolf befinden wir uns "mitten in einer heftigen, reaktionären Rückschlagsbewegung gegen den Feminismus", und der ehemalige Appell der Frauenrechtlerin Germaine Geer an die Frauen "Liebt eure Möse" ist verhallt. 65% aller Frauen, stellt Wolf fest, lieben ihren Körper nicht, was dazu führt, daß sie "größere soziale Ängste und ein geringeres Selbstwertgefühl haben und unter sexuellen Störungen leiden." Die Tragödie beginnt wie so oft in der Kindheit, und die Botschaften der Werbung, die bei Frauen immer wieder neue Anstrengungen, aber auch Resignation auslösen, ähneln den Botschaften mancher Eltern: "Ohne Fleiß kein Preis ( = keine Liebe)." Dies hat vernichtende Folgen. Immer mehr Frauen verfallen der Eß- und Brechsucht und "kotzen sich die Seele aus dem Leib": zuweilen schon "eine tödliche Form von Normalität" unter jungen Schülerinnen.

Susie Orbach behauptet, die moderne männerbeherrschte Psychologie spiele eine wichtige Rolle bei der immer weiteren Verbreitung der Magersucht. Sie denkt, die Männer propagierten dünne Frauenkörper und Abmagerungskuren, weil sie von der Angst vor Frauen durchdrungen seien und sie am liebsten als Ware betrachten würden. Naomi Wolf klagt die Magersucht an als "einen politischen Schaden, der (den Frauen) von einer Sozialordnung angetan wird, die ihre Vernichtung als unwesentlich betrachtet, weil man sie als zweitrangig einstuft." Was passiert aber dann mit den Kindern, die schon vor Erreichen der Pubertät magersüchtig sind oder abwechselnd zuerst Nahrungsorgien feiern und dann hungern? Nach Arline und John Liggett ist die Krankengeschichte dieser Kinder ähnlich der von Jugendlichen und Erwachsenen, "nur daß bei den Jüngeren der männliche Anteil höher ist als bei den Erwachsenen." Nicht nur, daß es mehr kleine Jungen gibt, die an Magersucht leiden; auch viele junge Männer sind neuerdings davon betroffen. Magersüchtige Männer sind "sehr ehrgeizig, trainieren unentwegt und wollen mit lästigen Beziehungsproblemen nichts zu tun haben. Gutes Aussehen ist alles, was ihr Herz begehrt."

Ob in der Familie oder im Gesellschaftsleben, "versteht niemand niemanden", erzählen viele Magersüchtige. Es gibt keine wahre Kommunikation, keine herzliche Wärme, sondern nur Dialoge mit tauben Ohren. Schlimmer noch: sie verstehen sich selbst nicht! Wie Valérie Valère fühlen sie sich in einer Gruppe leicht zurückgestoßen und ungeliebt, mißverstanden. Gegen Kritiken können sie sich nur durch Schweigen und Abwesenheit verteidigen. Das Grundproblem ihrer Unsicherheit, ihrer verlorenen Identität (sie fühlen sich oft "namenlos", "geschlechtslos", "heimatlos") liegt also nicht in der Kontrolle dessen, was sie zuführen oder nicht zuführen, sondern in der Wiederherstellung eines solideren Ichs durch geistige Nahrung, durch echte Unterhaltungen mit einer Vertrauensperson.

Nach Daniel Sibony wird es immer schwieriger, eine Unterhaltung mit den entsprechenden Ritualen, Öffnungen und Paraden zu führen. Immer häufiger gehen wir statt dessen auf den Anderen zu, um ihm etwas zu sagen, erklärt er. Man teilt also etwas mit, und falls eine Diskussion stattfindet, wird alles nach den Gesetzen der Machtergreifung besprochen. Die Unterhaltung hingegen setzt die Sprache und ihre mögliche Unterbrechung (kein "Laß mich ausreden!") auf die gleiche Ebene. Beide Gesprächspartner spüren sich über die Berührung der Stimme und der Wörter, gewinnen Vertrauen zueinander. Am Anfang eines Kennenlernens kann dies eine große Hilfe sein. Die Unterhaltung muß stimulierend, ermutigend, tröstend sein, wie eine Poesie. Sie ist Gastfreundschaft.

Die warmherzige Unterstützung durch eine Vertrauens-person, (die auch ein(e) Therapeut(In) sein kann), ihre wohlwollende Neutralität und aufmerksamer Blick sind von großer Bedeutung für eine positive Übertragung, da die Wiederherstellung guter innerer Objekte das Subjekt in die Lage versetzt, Objektbeziehungen zu schaffen. Einer der wesentlichen Aspekte einer solchen Unterstützung besteht in der Notwendigkeit der aktiven und freiwilligen Teilnahme der eßgestörten Frau an ihrer eigenen Behandlung, somit an ihrer Genesung. "Je mehr Sie sprechen, desto weniger essen Sie", ist einer der ersten Ratschläge, den die französischen Therapeutinnen de Castillac und Bastin ihren bulimischen Klientinnen geben. Unter "sprechen" jedoch verstehen sie nicht, sich selbst und die Anderen zu überreden oder totzureden. Viele eßgestörte Frauen tendieren nämlich dazu, den Mund sehr voll zu nehmen, ohne auch nur eines der Worte zu schmecken oder gar zu hören. Sie schlucken Wörter wie Nahrung, ohne sie gründlich zu zermahlen. So gibt es nichts zu verdauen bzw. zu assimilieren, weil es leeres Sprechen, scheinhafte Worte waren. Der Mund ist "ein voller Mund genährt mit eigener Bestätigungssucht, die Vielheit und Fremdheit nicht zulassen kann", schreibt Hanne Seitz hierzu.

Eine Sprache muß gesucht werden, die den Frauen vertraut vorkommt, denn durch die Sprache allein kann wechselseitige Anerkennung stattfinden, kann Andersartigkeit nebeneinander bestehen. "Keine Verleugnung der Teile, des Wahnsinns, der Natur, des Todes, durch Hinnehmen und Verschlingen, sondern Berührung zum Anderen, Leben mit dem Gegensatz" , sind die Voraussetzungen für eine Heilung.

Der Körper hat seinen rechtmäßigen Platz in einer großen Kette des Seins. Die conditio humana steht in Zusammenhang mit der ewigen Suche des Menschen nach dem Lebenssinn, den ihm ein Anderer durch die Begegnung gibt. Ohne die Begegnung mit dem Anderen ist der Mensch verloren. Er kann sich selbst nur begegnen, wenn er dem Anderen begegnet, sich selbst nur lieben, wenn er "seinen Nächsten" liebt und achtet. Wenn er dem Anderen nicht begegnet, wird er sich selbst fremd und feind.

Gerade dies ist auch mit der magersüchtigen Frau geschehen, denn "nichts essen" oder "heimlich essen" bedeutet, daß es keine Übereinstimmung mit den Anderen gibt. "Ich bin eine Wüste, die mit sich selber spricht", schrieb eines Tages Violette Leduc an Simone de Beauvoir. Da sie weder Einsiedlerin noch Verbannte war, war es ihr Unglück, "mit niemandem ein Verhältnis der Gegenseitigkeit zu kennen". In den Dialogen, die sie schrieb, schimmert ihre Ohnmacht durch, sich mitzuteilen: die Gesprächspartner sprechen Seite an Seite und antworten sich nicht; jeder hat seine Sprache, sie verstehen einander nicht. "Diese Einsamkeit, die sie zu ihrem Schicksal gemacht hat, verabscheut sie, und weil sie sie verabscheut, versinkt sie in ihr."

"Ich verschlinge allein Speisen, ich ernähre mich vergeblich von Dingen, die den Geschmack der Erde haben, um häßlich und alt zu werden, um mich auszulöschen", sagte ihre "Affamée".

Bulimie-Anfälle sind Hilfeschreie. Aber die härteste Prüfung, die die eßgestörte Frau durchmachen muß, ist es, keine richtige Antwort auf ihren Appell zu bekommen. Es ist daher wichtig, daß sie ein Gefühl von Trost am Ende jeder Unterhaltung empfindet, sonst besteht die Gefahr, daß sie sich in der erstbesten Bäckerei mit Kuchen oder Schokolade tröstet. Mit dem Bauch voll von Süßem schützt sie sich vor Worten, die sie nicht hören will. Sie ist befangen in Wortpfützen, die sie jederzeit an die Leerheit der Worte erinnern. Die Angst vor der Leere wird mit Nahrung erstickt.

Die Magersucht und die Eß- und Brechsucht sind das Drama eines Menschen, der in seinem eigenen Namen das Sagen und das Handeln nicht auf sich nehmen kann, sei es, weil er als Objekt in der Sprache des Anderen völlig verloren ist, sei es, weil er auf eine persönliche Sprache verzichtet hat, da seine Bemühungen, die Umgebung durch sein Sagen zu verändern, sich als nutzlos herausstellten. Das Wort der eßgestörten Frau hatte kein Gewicht in der Familie; und die Worte, die sie hörte, waren Worte, in denen die Leere sprach. Häufig sind die ausgedrückten oder nicht ausgedrückten Wünsche des Kindes auf elterliche Gleichgültigkeit gestoßen. Die Mutter entschied über die Beschäftigungen ihres Kindes und versuchte, es nach ihren Wünschen zu erziehen. Das kleine Mädchen konnte daher keine eigenen Wünsche entwickeln und bekam das Gefühl, sein Leben lang das Leben einer anderen Person zu leben.

Viele eßgestörte Frauen stellen sich die Frage, warum sie ihre eigenen Wünsche nicht wahrnehmen können und ahnen nicht, daß sie zum Schweigen verurteilt wurden: "Man hat mir den Schnabel geschlossen, als ich noch nicht geboren war", schrieb Violette. Andere beklagen sich über die schweren Mahlzeiten, die zu Hause serviert wurden, und die nichtssagenden Gespräche bei Tisch. Nach Françoise Dolto vermissen die Kinder heutzutage eine liebevoll servierte Nahrung, was von der Kinder-Analytikerin als "mütterlicher Phallismus" bezeichnet wird. Wie aber soll eine berufstätige Mutter all dies allein schaffen?

Es stimmt, daß viele Mütter in Deutschland kaum noch oder allenfalls mit einem Gefühl der persönlichen Niederlage kochen. Man löffelt trostlos seinen Teller leer. Die Zeit für eine ernährende Unterhaltung fehlt, im schlimmsten Fall laufen gerade Nachrichten, und die sind wichtiger. Nun geben die Worte des Anderen, wenn sie zweckmäßig, lebendig und echt sind, dem Empfänger die Möglichkeit, seine psychische Hülle wiederherzustellen, wenn er leidet und sich einsam fühlt, und dies, insofern die Worte des geliebten Objekts eine symbolische Haut weben, die auf der phonologischen und semantischen Ebene gleichwertig ist mit den ursprünglichen Körperkontakten zwischen dem Kleinkind und dessen mütterlicher und familiärer Umgebung. Nach Didier Anzieu ist die Herstellung dieser "Worthaut" auch möglich in der Freundschaft, in der psychoanalytischen Behandlung und in der literarischen Lektüre. Marie-Victoire Rouiller machte selbst diese Erfahrung mit Nièves, ihrer spanischen Freundin:

"Dank ihr konnte ich neu geboren werden. Seit meiner Rückkehr nach Frankreich ist meine Muttersprache wieder der Hochofen meiner Wollust, das Fleisch selbst meines Begehrens geworden. Ich errichte meinen Raum im Herzen der Sprache: die Stimmen streicheln mich und die Wörter berühren mich."

Violette Leduc ihrerseits fand Trost in der Literatur, ("Die Literatur führt zur Liebe, die Liebe führt zur Literatur." ) und Maryse Holder in der Poesie. Auch das Schreiben eines Tagebuchs kann eine wiederherstellende Funktion haben. Es stärkt nicht nur anerkannte Schriftstellerinnen, sondern alle Schreibenden, das heißt all die, die ohne ästhetischen Anspruch für sich selbst schreiben. Ein Tagebuch zu schreiben, ist eine positive Art, sich einen eigenen und geheimen Raum zu schaffen, und gibt eine Hoffnung zu erkennen: die, eines Tages gelesen und verstanden zu werden.

In sich das Kind wiederzufinden, seinen Schmerz zu zähmen, nicht sofort vor der Traurigkeit zu fliehen, sondern sie wie einen Eiterherd keimen, reifen und auslaufen zu lassen, könnte eine vorläufige, aber unerläßliche Phase der Therapie sein. Das eigene Leiden zu benennen, zu preisen und in seine kleinsten Komponenten zu zergliedern, ist ein gutes Mittel, die Trauer zu beseitigen, die die mütterliche Leerheit hervorrief. Die Einsamkeit läßt uns weniger allein, wenn sie benennbar ist und wir einen Empfänger für dieses Übermaß an Schmerz finden. Der Empfänger kann durchaus ein(e) Therapeut(in) sein, aber auch ein(e) Partner(in), der/dem es gelingt, die im Körper gefangengehaltene Mutter aufzulösen. Dies ist möglich, wenn der Partner als Lebensspender, als "Mehr-als-Mutter" phantasiert wird. Nach Julia Kristeva ist er dann kein Substitut der phallischen Mutter, sondern eine Wiedergutmachung der Mutter durch ein phallisches Verhältnis, das zugleich das "böse Introjekt" zerstört und das Subjekt aufwertet. Dafür muß er sich an einem anderen Platz als dem der Mutter behaupten und der Frau das größte Geschenk machen: das eines neuen Lebens mit einer nicht erstickenden und begehrenden, noch nicht begegneten Mutter.

Es ist klar, daß die Therapeutin genügend Verfügbarkeit äußern und die Fortdauer der Beziehung über alle Hindernisse hinweg aufrechterhalten muß. Es muß vermieden werden, daß die Betroffene sich den Interpretationen von Therapeuten ausgeliefert fühlt, die vorgeben, besser als sie selbst zu wissen, was in ihr vorgeht. Auf keinen Fall darf sie in eine passive Rolle hineingedrängt und von außen beeinflußt und manipuliert werden. Die Rolle und die Haltung, die die Therapeutin annehmen muß, ist nicht leicht, weil sie ihr Ego nicht verstärkt. Sie muß akzeptieren, nicht alles zu wissen, auf eine konstruktive Weise ihre Ignoranz benutzen und dennoch unzweideutig versuchen, der "Klientin" aufzuzeigen, wo sie mit ihren eigenen Wünschen steht.

Eine Rückkehr in die Vergangenheit ist ein wesentlicher Aspekt des Bewußt-Werdens. Zunächst werden die psychische Einstellung der Eltern und deren Umgebung während ihrer Zeugung sowie der psychische und gesundheitliche Zustand der Mutter und ihre Wünsche während der Schwangerschaft berücksichtigt; dann wird der Familienkern und dessen Umgebung betrachtet, der Platz des kleinen Mädchens innerhalb des "Familienromans" und die Art, wie dieses die wichtigen Personen ihrer Umgebung wahrgenommen hat; schließlich wird untersucht, wie das soziale, kulturelle, geographische und politische Feld des kleinen Mädchens war, da all diese Elemente den psychischen und körperlichen Zustand des Individuums beeinflussen. Die Person wird auf diese Art und Weise in ihrer Vielseitigkeit gesehen. Eine kunsttherapeutische Methode kann als Begleitung sehr hilfreich sein. Indem die magersüchtige Frau sich selbst malt oder beschreibt als eine mythologische Figur, als Märchenfigur oder als eine Landschaft, kann sie sich selbst gestalten und sich schöpferisch unabhängig machen. ("Wenn ich mich malen würde, würden sie mich endlich wahrnehmen, mich sehen", schrieb hierzu Valérie Valère. ) Das Malen oder das Schreiben in der Gegenwart der Therapeutin ändert nämlich die Interaktion und die dynamische Balance; die Zweierbeziehung wird erweitert zum Dreieckverhältnis, zur "Triangulierung des potentiellen Raums".

Die Therapie mit Magersüchtigen wirft uns auf die Suche des Säuglings nach dem Übergangsobjekt oder dem Spielraum (Intermezzi zwischen Mutter und Kind) zurück, dort wo das Kind seinen Vater als "Anderen der Mutter" entdeckt. Genauso wie diese Triangulierung es jedem Familienmitglied ermöglicht, einen eigenen Raum zu schaffen, kann die Therapeutin mit der Hilfe einer spielerischen Methode in gewisser Weise diesen Raum schaffen und eine Distanz zwischen sich und der Klientin einführen. Durch das Malen oder das Schreiben findet die Betroffene zudem ein Ventil für Gefühle wie Wut, Haß, Depression und Furcht. Ein Fortschritt wird aber erst erzielt, wenn sie in der Lage ist, in Worten auszudrücken, was zunächst nur bildlich dargestellt war. Das reale und ehrliche Interesse der Therapeutin für die Phantasien der Magersüchtigen bildet schließlich eine Art "narzißtischer Anerkennung", die unabdingbare Voraussetzung für ein gutes Integrieren der Triebe, so daß die Funktion des Begehrens als Stärke statt als Machtlosigkeit erscheint. "In einem Land ohne Wasser, was macht man aus dem Durst? - Stolz", antwortete Henri Michaux. "Und in einer Familie ohne Liebe?", fragte sich Valérie Valère. "- Malen, malen", dachte sie in dem Wunsch, von der Mutter gespiegelt zu werden:

"Wie maman tue ich etwas Grünes auf meine Augenlider und große schwarze Striche in die Augenwinkel und noch etwas Rotes auf meine Lippen. Vielleicht hätte sie mich lieber blond? Ich leere die ganze Tube der Gelbfarbe auf meine Haare. Und ich knete die Pasten zwischen meinen Fingern, breite sie auf der Haut meines Gesichts aus und betrachte mich lange im großen Spiegel des elterlichen Schlafzimmers. Valérie-in-allen-Farben ist sehr schön."

Valérie fühlte sich in allen Farben schön, das heißt vollständig. Leider unternahm sie keine Therapie und ihr Appell blieb trotz ihrer Veröffentlichungen unerhört. Allein der Tod schien ihr der einzige Ausweg zu sein, und ihr Selbstmord drückte die tiefe Bestürzung eines Menschen aus, der sich nicht genug geliebt und begehrt fühlt, um zu leben. Valérie ergab sich der Faszination des Nichts, Teilaspekt dieser Faszination der Grenzenlosigkeit, die die inzestuösen Geliebten ihres Werkes "Malika" leitet, in dem der Tod sich mit dem Nichts vermischt. Ihr Selbstmord stellte vor allem dem Leben eine Frage: "Ist das Leben möglich? Hat das Leben einen Sinn?"

Seit ihrer Kindheit wünschte sie sich den Tod, und was sie in ihren Werken ausdrückt, ist das Unbehagen des Lebens, der Ausschluß von der Lebensfreude. Den Tod als eine Befreiung anzusehen, bedeutete, daß ihr Verhältnis zu der normalen Welt gebrochen war: Valérie war in gewisser Weise schon tot durch das innere Exil, zu dem sie seit ihrer Geburt verdammt wurde und das sie zum Schreiben veranlaßte: "Schreiben, um sterben zu können. Sterben, um schreiben zu können", schreibt hierzu Maurice Blanchot. Dies machte auch Kafka in einem Brief an Max Brod deutlich:

"Ich habe mich durch das Schreiben nicht losgekauft. Mein Leben lang bin ich gestorben, und nun werde ich wirklich sterben. Ich selbst kann nicht weiterleben, da ich ja nicht gelebt habe, ich bin Lehm geblieben, den Funken habe ich nicht zum Feuer gemacht, sondern nur zur Illuminierung meines Leichnams benutzt."

Das Überleben selbst, die elementarste aller Notwendigkeiten, erfordert den höchsten Preis, und darum spricht aus Kafkas Briefen jenes erlesene 'savoir-mourir', das auch Tania Blixen so tief bewunderte. Man wird vom Leben gezwungen, den Preis für die eigene Existenz zu zahlen, und er besteht aus Schmerz, Verlust und Tod. Savoir-mourir wird damit zu einem Ideal, das den Keim zur Selbstzerstörung in sich trägt. Der Selbsthaß ist dann das Schicksal, dem viele magersüchtige Frauen zum Opfer fallen, doch sind ihre Leidensgeschichten erschütternde Dokumente, die Zeugnis ablegen für all die Erniedrigten und Ausgestoßenen: "Wie soll man leben, wenn man weiß, daß Hunderte von Leuten Opfer dieses unmenschlichen Einsperrens sind; Leute, die wunderbar sind in ihrer extremen Verweigerung, die sie der Welt ins Gesicht schreien" , ist nach wie vor die Frage, die Valérie Valère uns stellt.

Nach Palazzoli wird die Eßverweigerung in ihrer extremsten Form - dem Hungerstreik - "zu einem idealistischen Schlag für die Freiheit, zur totalen Zurückweisung der Zwänge des Stärksten durch den Schwächsten." Indem sie ihr Leben aufs Spiel setzt, beweist die magersüchtige Frau, daß ihr Wunsch nach Vollständigkeit, nach Ganzheit, nach Absolutem stärker als alles andere ist. Um so eigenwillig zu sein, muß sie aber trotz ihrer herzzerreißenden Wehklagen eine im tiefsten ihres Inneren verwurzelte Hoffnung haben, die Hoffnung, zu einer neuen Menschlichkeit, zu einem anderen Leben zu gelangen. Daher ähnelt die Magersucht einer Initiation. "Werde zu dem, was du bist, und gestatte dafür das Opfer".

In vielen Kulturen finden wir das Symbol des geopferten Sohnes oder der geopferten Tochter, wobei das Opfer einen inneren Sieg, den Sieg der geistigen Natur über die Tiernatur feiert. Das Opfer der Magersüchtigen repräsentiert den Wunsch des Menschen nach geistigem Leben und Unschuld. Im sechsten Brief schrieb hierzu Marie-Victoire Rouiller an ihre Tante:

"Am sechsten Tag schuf Gott den Mann und die Frau, damit sie auf der Erde herrschen. Werde ich eines Tages Herrin meines Selbst sein? Werde ich wie die Erde aus dem Meer hervorragen, und mich von Ihnen trennen? Ich versuche, mein inneres Magma zu festigen, aber bei jeder Seite wird es vom Schlamm weggespült. Meine Briefe sind ein Lavastrom, eine Verwerfung schwammigen Lehms, die die Glut, die mich verzehrt, bis zu Ihnen trägt.

Auch bei Violette Leduc finden wir die gleichen Schlammbilder wieder, Symbole der Rückkehr in die ursprüngliche tierische Dunkelheit und in die Undifferenziertheit, die durch die Abwesenheit des Begehrens hervorgerufen werden: "Ich hätte als Statue zur Welt kommen wollen, ich bin eine Nacktschnecke unter meinem Misthaufen." Violette wäre gern androgyn bzw. zugleich weiblich und sodomitisch wie Orpheus gewesen ("Ich verlangte von Gabriel, mich zu lieben wie ein Mann einen anderen Mann liebt. Im Mittelpunkt der Wunsch nach einem homosexuellen Paar auf meinem Lager." ), fühlte sich aber hermaphroditisch wie eine Schnecke, geschlechtslos, "kastriert", gefangen im mütterlichen Schlamm.

Eine intelligente Frau zu lieben, sei ein homosexuelles Vergnügen, sagte einmal Baudelaire zu der Beziehung zwischen Mann und Frau. Tania Blixen wie Violette Leduc dachten, er hätte recht, aber sie glaubten, "daß eine solche 'Homosexualität', wahre Freundschaft, Verständigung, Freude zwischen zwei gleichen, parallel zueinander laufenden Lebewesen, ein menschliches Ideal war, dessen Verwirklichung die Konventionen bis heute verhindert haben."

Die Position der magersüchtigen Frau ist bald weiblich, bald männlich. Sie verhält sich wie ein Mann, der nach dem Geheimnis der Frau sucht, und diese Suche ist mit Faszination und Schrecken verbunden. Die Geschlechtlichkeit verliert ihre Grenzen, und die Magerkeit (Violette z.B. wog 48 kg bei 172 cm) wird zum Passierschein eines Ausbruchs außerhalb des körperlichen Zwangs und des weiblichen Daseins. Tania Blixen, Violette Leduc und andere versuchten, in einem virilen Bewußtsein Fuß zu fassen und sich den Phallus einzuverleiben, als sie Schriftstellerinnen wurden. Tania bekannte sogar, daß sie, wäre sie ein Mann, sich "ohne Zweifel in eine Schriftstellerin verlieben würde".

Das Überschreiten der geschlechtlichen Trennung durch die Aneignung männlicher Machtinstrumente ermöglicht dennoch keine Auflösung der Andersheit. Eros und Anteros bleiben von Angesicht zu Angesicht, und die Ganzheit wird nicht wiedergefunden. Die Dualität zwischen Fleisch und Geist bleibt bestehen: "Meine Blume war nicht mehr meine Blume, als ich an Ihrer Seite lebte, Maurice Sachs," schrieb Violette. "Eine Spinnwebe zwischen Ihren Seiten von Plato."

Violette trauerte um ihren weiblichen Körper. Sie war der abwesende Körper, um den sie trauerte. Sie zeigte aber auch auf provokante Weise, daß die menschliche Natur nicht aus Standardkategorien besteht, in die die Menschheit hineinzupressen ist. Stattdessen gab sie den Blick frei auf lange verborgene Zwischenräume, die in jedem von uns existieren. Ihre Transsexualität setzte der idealen Weiblichkeit ebensosehr ein Ende wie der idealisierten Männlichkeit. Sie verkörperte wie der Kastrat des 18. Jahrhundert die Undefinierbarkeit des dritten Geschlechts.

Die Anorexie und die Bulimie sind ein Fegefeuer, das die Frauen einem "narzißtischen Loch" weihen. In der Bulimie wird das Loch und die Angst vor der Leere mit Nahrung ausgefüllt, in der Anorexie wird das Loch bzw. die Leere verzweifelt gesucht. Die Bulimikerin und die Anorektikerin befinden sich in diesem Zwischenraum, in dem alles noch möglich ist ("wenn ich nichts bin, kann ich alles sein"), zwischen Hölle und Paradies, zwischen Erde und Himmel (zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen), zwischen dem Loch der unmenschlichen Einsamkeit und der Zwillingszelle, jener letzten Versprechung der fusionellen Liebe. Hier versuchen sie, das Mysterium ihrer Existenz zu durchdringen. ("Die Küche: ein Bauch voller Stille. Die Stille: ein Kind im Entstehen. Es war der Tag in der Nacht." )

Wer sehnt sich nicht danach, zumindest einmal im Leben aus seinem sozialen Korsett, aus seiner geschlechtlichen Rolle auszubrechen und ganz neu zu beginnen? Die magersüchtige Frau zeigt auf tragische Weise, daß sie sich nicht von der Gesellschaft gefangen nehmen läßt. Sie bricht aus ihrer weiblichen Rolle, aus dem goldenen Käfig des Überflusses aus, und solidarisiert sich - bewußt oder unbewußt - mit all denen, die Nichts haben, die Nichts sind: die verlassenen Kinder, die Narren, die Ausgehungerten, die Außenseiter, die Verfolgten und all die Menschen zweiter Klasse, die in unserer Gesellschaft nicht zu Wort kommen dürfen.

Die Magersucht ist eine Botschaft an uns alle. Sie weist uns auf die Vereinsamung, auf die Leere einer Welt ohne feste Werte hin. "Der, der allein ißt, ist tot", schreibt Baudrillard. "Nichts hat einen Sinn. Tiefe und anklagende Zwecklosigkeit. Ich löse mich in Einsamkeit und Traurigkeit auf" , fügte Valérie Valère hinzu. Und wenn die magersüchtige Frau an nichts (Nichts) glaubt, ist sie das Spiegelbild einer Welt, die an nichts mehr glaubt, es sei denn an den äußeren Schein, an das Künstliche, an den Erfolg. Eine solche Existenz ist sinnentleert.

Die magersüchtige Frau ist in jedem von uns. Nach der Soziologin Elisabeth Badinter ist das archaische Verlangen nach einer Rückkehr in die mütterliche Symbiose noch nie so stark gewesen wie heute, bei den Männern wie bei den Frauen. Wir leiden alle an der mangelnden mitmenschlichen Solidarität, am ungenügenden Interesse der Menschen füreinander, wir hungern alle nach menschlicher Zuwendung in einer "käuflichen" Welt, die ständig mehr Anpassung an Normen verlangt, die das Zeigen von Gefühlen und sogenannten "weiblichen" Eigenschaften kaum noch gestattet. Und obwohl wir uns alle nach der Zärtlichkeit einer Mutter sehnen, hören wir nicht auf die Hilfeschreie der Leidenden, auf unsere innere Stimme. Wir erkennen uns nicht in der eßgestörten Frau. Diese bleibt die verborgene Seite unserer Identität. In ihrem Abgezehrtsein ist sie nur noch das unheimliche Foto-Negativ der Weiblichkeit. Sie findet sich in der Welt nicht mehr zurecht, verirrt sich in einem riesigen Labyrinth, ohne überhaupt zu wissen, wer sie ist und wo sie steht.

Wer weiß aber schon, wer er ist? Alle hörten wir in früher Kindheit, was wir dürfen und vor allem, was wir nicht dürfen. Wir Frauen sind alle potentielle Magersüchtige, Kastraten. Wir singen aber nicht in den höchsten Tönen zum Ruhme Gottes, wir haben unsere Stimme verloren. In uns allen gibt es ein kleines verängstigtes Kind, das bereit ist, die Arme auszustrecken und zu flehen: "Laßt mich nicht allein!" Magersüchtige Frauen sind nicht allein mit ihrer Angst, mit ihren Zweifeln. Letzlich ist es immer das Individuum, das Fragen stellt und Bestehendes anzweifelt. Nur dadurch verändern sich Leben und Welt. Und so ist die Magersucht denn auch zu verstehen: als ein Versuch, eine Passage durch eine unsichtbare Eisenmauer zu bahnen, die eine Grenze zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen, zwischen dem Sein und dem Nichts zieht. Hier ist die Hoffnung auf Licht, auf Liebe und Anerkennung, auf Vollständigkeit.